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Der dritte Wunsch

in Alte und neue Literatur...von Gilbert Kapkowski 04.07.2019 12:27
von gkapkowski • 24 Beiträge

Der dritte Wunsch
von Gilbert Kapkowski 27.12.2018


Es war ein kalter, nebliger Tag in einer dunklen Jahreszeit.

Stille umgab das Haus, düster schien das Licht im Zimmer.

Ich war allein.

In meinen Gedanken verschwommen Realität und Illusion miteinander.
Grübeln setzte ein und endete abrupt wieder.

Plötzlich klopfte es, völlig unerwartet, an der Eingangstür.

„Lass mich herein“ ertönte eine Stimme.
Und es klang weiter: „Heute ist ein Glückstag für Dich.“

Verwundert öffnete ich und herein trat eine Gestalt in fliessenden schillernden Gewändern.

Bei näherer Betrachtung wirkte die Person ausgesprochen androgyn.
Weder schön noch hässlich und auch sonst nicht sehr einprägsam.
Ich konnte mich später nicht mehr daran erinnern, ob ich kurze oder lange Haare auf dem Kopf gesehen hatte.

Auf Anhieb hätte kaum jemand definieren können, wen genau man vor sich hatte. Ich drehte mich etwas zur Seite und liess den überraschenden Besuch an mir vorbei in den Raum eintreten.

Noch ehe ich irgendetwas sagen oder fragen konnte, erhob er-sie-es die Stimme: „Ich bin eine gute Seele für Dich. Man könnte mich auch als Fee oder etwas anderes in dieser Art bezeichnen. Jedenfalls bin ich heute gekommen, um Dir 3 Wünsche zu erfüllen.“

Ich holte tief Luft, um dieser Überraschung eine schnelle Antwort geben zu können.

„Ist ja wie im Märchen. Soll das ernstgemeint sein oder darf ich irgendeine originelle Art von Werbung annehmen ?
Falls ja, ist mir das von vornherein zu dumm damit !“


Die Gestalt breitete die Arme weit aus, schüttelte den Kopf und entgegnete:
„Nein, das ist kein Märchen, sondern Deine einmalige Chance mit drei Wünschen Deiner Wahl. Du kannst Dir alles wünschen, was immer Du willst. Ich bin dabei nur der Vermittler oder gewissermassen der Manager.“

Ich liess mich in meinen Sessel fallen und hob die Hand.

„Alles klar. Bei diesem seltsamen Event 3 Wünsche frei spiele ich erstmal mit.
Weil ich nicht ganz so blöd bin, würde mein erster Wunsch selbstverständlich darin bestehen, mir endlos weitere Wünsche zu wünschen.
So, nun kann es mit den weiteren Wünschen losgehen.
Ich glaub das Ganze sowieso erst dann, wenn praktisch wirklich was passiert. Ansonsten muss ich diesen Termin sehr schnell beenden und widme meine Zeit wichtigeren Themen.“


Mein Besuch schüttelte erneut den Kopf.
Immer noch war nicht zu erkennen, ob es sich bei dieser „Fee“ um ein männliches oder weibliches Exemplar handelte.
Oder um etwas neuzeitlich Diverses irgendeiner Ausprägung.

Dieses Rätsel lief weiter im Nebenprogramm der seltsamen Begegnung.

„Oh, ich bin ja grad deswegen hier, um einige Grundlagen der drei Wünsche klarzustellen. Sowie mögliche Missverständnisse und Fehldeutungen von vornherein vermeiden zu helfen.“

Ich kratzte mich verlegen am Kinn.
„Und das bedeutet nun – was ?“

„Also zunächst ist die Wahl tatsächlich auf drei Wünsche beschränkt.
Und diese müssen sehr eindeutig und in sich plausibel sein.
Es gibt keine Möglichkeit für Sonder-, Zusatz- oder Nebenwünsche.
Weder offen noch versteckt.
Diese Regelung bedeutet, dass endloses Wünschen genauso ausgeschlossen ist, wie das Wünschen nach komplexen Unendlichkeiten, Ewigkeiten, grenzenlosen Befähigungen oder Besitztümern jenseits des Prinzips von Ursache und Wirkung.“


„Aha“, entgegnete ich. „Ich glaube, ich bin dem Trick schon auf der Spur.
Es wäre für mich also gar nicht möglich, dass ich mir wünsche, ich wäre das reichste und mächtigste Lebewesen in der ganzen Welt.“


Der rätselhafte Besucher hob wieder die Arme.

„Oh doch. Das könntest Du Dir wünschen und dieser Wunsch ginge sofort in Erfüllung. Doch bedenke Folgendes: Mit der Umsetzung eines solchen Wunsches ist nicht verbunden, dass Du dann, beispielsweise, auch das zufriedenste oder am meisten geliebte, verehrte, respektierte, Lebewesen sein würdest.
Egal, was Du Dir wünscht – das eine hat zumeist mit dem anderen nichts zu tun. Möglicherweise resultiert sogar das komplette Gegenteil davon.“


Ich kam wieder ins Grübeln, welches unmittelbar vor Erscheinen des Besuchers geendet hatte.

„Ich verstehe, aber damit wird die Sache praktisch enorm schräg aus meiner Sicht. Egal, was ich mir an umfassenden Wünschen zurechtlegen würde – es könnte sich für mich im praktischen Leben nutzlos oder sogar schädlich auswirken.
Soviel zum Thema „Glückstag“, mit dem Du hier reingeschneit bist.“


Die gute Fee oder was auch immer es war, was vor mir stand – lächelte.

„Ich sehe, Du bist nicht so dumm, wie einige andere vor Dir.“

„Wen meinst Du ? „fragte ich.

„Ein paar von denen aus den Märchen.“

„Nun“, fuhr mein Besuch fort. „Es wird Zeit für Deinen ersten Wunsch.
Immerhin haben wir inzwischen schon einiges klargestellt und die Zeit, also auch meine, die ist für diese drei Wünsche begrenzt.
Beweise für meine Fähigkeit, es wahr werden zu lassen, erübrigen sich.
Schon die Erfüllung des ersten Wunsches wird das zeigen.“


„Schwer zu entscheiden“, entgegnete ich. „Aber ich hätte da schon eine Idee.“

„Nur zu !“

Ich erhob mich aus dem Sessel und wanderte ein paar Schritte herum.

„Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, würde es für mich nicht möglich sein oder zumindestens irgendwie riskant, wenn ich als ersten Wunsch hätte, ich möchte ALLWISSEND und ALLMÄCHTIG sein.“

Mein Besucher lächelte wieder. Diesmal mit einem etwas hintergründigen Ausdruck im Gesicht.

„Gut erkannt. Da gab es sogar mal einen Film mit dem Motto:
Es kann nur einen geben.“


Diesmal brachte ich einen hintergründigen Blick ins Spiel.
Mein Gegenüber erwiderte ihn nicht, sondern führte weiter aus:

„Ja, diesen Typen, wenn ich so sagen darf – den gibt es schon.
Allmächtig und allwissend, das ist nach allen Annahmen, Vermutungen und Glaubensrichtungen nur einer. Der-die-das Eine !
Angeblich sind die Menschen nach dessen Ebenbild erschaffen worden.“


Stilles Abwarten folgte.

Mein erster Wunsch war jedoch längst klar.

Falls es damit nicht klappen würde, wäre die ganze Sache ad absurdum geführt.

„Bring mal den einen her, der angeblich allmächtig und allwissend ist.
Der Zweck seines Erscheinens soll sein, dass er mir alle Fragen beantwortet, die ich ihm stellen werde.“


Ich konnte nicht feststellen, ob mein Besucher daraufhin irgendeine Bewegung gemacht hatte oder was sonst geschah.

Die nächste Sekunde ähnelte einem plötzlichen Aufwachen und der schnell verblassenden Erinnerung daran, was unmittelbar davor in einem Traum geschehen war.

Eine weitere Person stand vor mir im Raum.

Ebenso wie bei der, bereits anwesenden, guten Fee der drei Wünsche, war nicht auszumachen, welches Geschlecht dem Anwesenden zugrunde lag.

Die neu erschienene Person schien eher jung zu sein, aber die Umrisse und das Gesicht waren nur undeutlich zu erkennen. Man konnte nicht sicher sein, wer da eigentlich vor einem stand. Es könnte auch etwas sehr Altes darstellen.

Undeutlich blieb, ob er-sie-es überhaupt auf Füssen stand.
Oder ganz leicht abgehoben über dem Boden schwebte.

Ich fragte zaghaft: „Bist Du der, den ich mir grad herbeigewünscht hatte ?“

Zu meiner Verwunderung schien es keinerlei Sprach- oder Verständigungsprobleme zu geben.

Die Gestalt antwortete sofort:
„Ich nehme an, dass es so ist. Schliesslich war genau das Dein Wunsch, oder ?“

Meine nächste Frage war:
„Unendlich Zeit für meine Fragen habe ich vermutlich nicht, aber wieviele Fragen kann ich stellen ?“

„Alle, die Dir einfallen, bis es für Dich selbst keinen Sinn mehr damit macht.“

Ich schaute verwundert in Richtung gute Fee.
Der erste Besucher stand etwas abseits und beobachtete stumm.
Oder hörte einfach nur zu.

„Bist Du Gott ?“

Die Antwort kam prompt und ohne Zögern.
So wie alle weiteren Antworten in Folge.

„Das ist nur ein Name. Jeder, der mich so nennen möchte, kann das tun.
Es beweist aber rein gar nichts.“


Diese Antwort machte es nicht gerade leichter.

„Also präziser. Bist Du der Schöpfer des Universums oder aller Universen, die es vielleicht noch gibt, gab und geben wird ?“

„Diese Frage kann ich für Dich nicht ganz genau beantworten.
Lass es mich so sagen: Leute auf Deinem Entwicklungsstand würden mich eher als so eine Art „gamer“ erleben. In diesem grossen Spiel und in den vielen anderen nebenbei kann und weiss ich alles.
Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass die Spielregeln von den Spielfiguren nicht leicht oder gar nicht zu verstehen sind. Ich werde deswegen einen Wunsch nach einer Erklärung nicht erfüllen. Es würde damit viel zu lange dauern.“


Ich schüttelte den Kopf.

„Warum kann ich mir denn nicht wünschen, tatsächlich ALLES zu verstehen ?"

Die Antwort kam erneut sofort:

„Doch, das kannst DU Dir wünschen. Allerdings würde Dich das Ergebnis nicht zufriedenstellen. Das kannst Du mir GLAUBEN. Auch wenn Du offensichtlich ansonsten nur wenig zu glauben scheinst.“

Irgendwie fühlte ich mich beim bisher erfolgten Verlauf des Gesprächs unbehaglich.

„Ich hätte bis vor ein paar Augenblicken auch nie geglaubt, dass ich mal solch eine Unterhaltung führen würde.
Aber einfach mal weitergefragt und zwar sehr konkret für mich persönlich: Welchen Sinn hat das ganze Leben, woher komme ich, wohin gehe ich ?
Was sind Raum, Zeit, Energie und Materie ?"


Wieder erfolgte die Antwort schnell:

„Es gibt keinen Sinn des Lebens. Ausser Du gibst ihm einen.
Wo Du her kommt, dort warst Du schon und wo Du hin gehen wirst – auch. Jedenfalls so ungefähr.
Raum, Zeit, Energie, Materie und der Rest, den ich Dir jetzt nicht erklären werde, sind Elemente, die sich aus den Spielregeln ergeben. Sie bedingen einander. Das eine ist ohne das andere nicht existent.
Ausser die Spielregeln sind andere, als die, die grad hier und jetzt gelten.“


Ich fühlte mich immer unbehaglicher.

„Das sind alles keine Antworten, die ich gerne gehabt hätte.
Du sprichst mehr oder weniger in Rätseln.“


Es schien, dass mein Gegenüber tatsächlich ein wenig höher über dem Boden zu schweben begann.

„Dein Wunsch war es, dass ich Deine Fragen beantworte.
Nun, genau das tue ich. In für Dich verständlicher Sprache.“


Unwillig erwiderte ich:
„Ich bin leider kein theoretischer Physiker, der offene Fragen mit Hilfe komplexer Formeln zu Antworten über das grosse Ganze vor dem Urknall deuten könnte.“

Inzwischen schwebte die Gestalt eindeutig um einiges über dem Fussboden.

„Dir scheint also klar zu sein, dass Fragen-stellen Dich kaum weiterbringt.
So wie Du Dir das ursprünglich wohl erhofft hattest, als Du meine Anwesenheit gewünscht hattest.“


Diese Aussage machte das Gespräch für mich weiter unbehaglich.

„Doch, ich hätte da noch eine Frage.
Die Antwort wäre wichtig für meinen zweiten Wunsch.“


„Und ?“

„Ich vermute, ich bin nicht dumm, wenn ich annehme, dass es keinen Sinn macht, wenn ich mir einfach das Böse aus der Welt weg wünsche.
Nach allen meinen Erfahrungen halten sich die Bösen meistens selber für die Guten. Die vermeintlich Guten verhalten sich wiederum oft recht schnell böse und rechtfertigen das mit irgendwelchen höheren Werten.“


Mein göttliches? Gegenüber stand plötzlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

„Ich darf mal eine Gegenfrage stellen:
Du glaubst wirklich, dass Du dem Täter auf der Spur bist, oder ?“


Ich schüttelte den Kopf und entgegnete Folgendes:

„Wenn Du schon jemand wie mir auf der Spur sein möchtest.
Ich würde mir gar nichts nur für mich selber wünschen. Allerdings interessieren mich die Opfer mehr als die Täter.“


„Stell Deine nächste Frage !“

„Was wäre, wenn ich mir einfach wünsche, dass niemand auf diesem Planeten oder überhaupt irgendwo-irgendwann unglücklich ist ?“

Die antwortgebende Gestalt schien den Boden wieder verlassen zu haben.

Sehr schnell erfolgte die Antwort.

„Wenn niemand auf der Welt mehr unglücklich ist, wird das die Sadisten bestimmt nicht zufriedenstellen.“

Ich senkte den Kopf.

Dann erinnerte ich mich an eine Beobachtung im Sommer, die mich seinerzeit zum Nachdenken gebracht hatte.

Damals sass ich nachmittags auf meiner Hollywoodschaukel und hatte beobachtet, dass unter dem Dach des Gartenpavillions eine Biene kopfüber, also verkehrtherum, auf der Stelle angestrengt mit lautem Brummen auf der Stelle flog.

In dieser Fluglage, Richtung Rücken zum Boden und immer an derselben Position, war die Sache sehr ungewöhnlich.

Bei näherem Hinsehen war erkennbar, dass sich die Biene in einem feinen Spinnenfaden verfangen hatte und trotz intensiver Bemühungen nicht freikommen konnte. Von der Spinne war nichts zu sehen.

Mit Hilfe einer Fliegenklatsche befreite ich die Biene vorsichtig aus der Verstrickung und setzte sie auf eine nebenstehende Blumenpflanze im Garten.
Es war zu erkennen, dass die Biene von der langen Anstrengung des hilflosen Flugmanövers im Spinnenfaden sehr gestresst und erschöpft war.
Ich überliess sie sich selbst und dachte mir, dass sie sich vielleicht vom Rest des Gespinstes freiputzen würde und sich erholen könnte.

Irgendwie kam mir das vor wie eine kleine Lebensrettung.
Die es ja tatsächlich auch gewesen war.

Erst später kam mir der Gedanke, dass durch mein Einwirken wiederum der Spinne ihr Abendessen abhanden gekommen war.

Vermutlich würde sie oder ihr Nachwuchs jetzt nicht verhungern müssen, aber ich sinnierte darüber, dass ein „Falsch“ oder „Richtig“ in der freien Natur und auch anderswo, nicht immer ganz einfach zu beurteilen ist.

„Hab´s irgendwie schon verstanden“, entgegnete ich.
„Es ist egal, wie ich die Sache mit dem Wünschen weiter angehen werde.
Praktisch wird nichts dabei herauskommen oder es dreht sich damit irgendwie immer nur im Kreis.“


Mein Gegenüber gab keine Antwort dazu.

Ich seufzte und liess mich enttäuscht in den Sessel zurücksinken.

„Ich wünschte, das alles wäre einfach nie passiert !“

Die nächste Sekunde ähnelte dann wieder einem plötzlichen Aufwachen oder der schnell verblassenden Erinnerung daran, was unmittelbar davor in einem Traum geschehen war.

Nichts erinnerte an die allmächtige und allwissende Erscheinung, die mir gegenüber aufgetaucht gewesen war.

Auch die überraschende Gestalt des Vermittlers der drei Wünsche war verschwunden.

Es erschien eindeutig so, als hätte es diese nie gegeben.
Nur meine ständig blasser werdende Erinnerung daran war noch vorhanden.

Ich war allein.

Jetzt wieder oder schon immer.

Erst nach eine Weile des Grübelns erinnerte ich mich daran, dass ich tatsächlich nur zwei Wünsche geäussert hatte.

Es blieb also immer noch ein dritter Wunsch übrig.
Der auf seine Erfüllung wartete.

Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte.

Dann kam mir die einzige Idee, die mir passend erschien.

Ich setzte mich an meine Tastatur und schrieb die Geschichte dazu.

Diese Zeilen werden mich vermutlich einige Zeit überleben und ein paar Leute werden sie lesen.

Vielleicht klopft es in naher-ferner Zukunft bei irgendjemand an der Tür.

Der dann von einer seltsamen Gestalt das Angebot überbracht bekommt,
den noch ausstehenden Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.

Den dritten Wunsch.

Was würdest DU Dir wünschen ?


zuletzt bearbeitet 04.07.2019 12:43 | nach oben springen


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