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Meister des Glaubens

in Alte und neue Literatur...von Gilbert Kapkowski 13.08.2018 19:20
von gkapkowski • 15 Beiträge

Meister des Glaubens
von Gilbert Kapkowski, geschrieben nach dem Sommercamp 2015


Der alte Meister war tot.

Einige seiner Feinde freuten sich darüber. Vielen anderen war es schlichtweg gleichgültig.

Seine Vertrauten und ein paar der grossen und kleinen, sportlichen und unsportlichen Freunde versammelten sich noch einmal zum Abschied in einer Gruft, wo man ein schlichtes Grab hergerichtet hatte.

Keine Sporthalle dieser Welt hätte passender aussehen können.

Der alte Meister war sein Leben lang meist ziemlich klein, bescheiden und immer ein bisschen zu fleissig dahergekommen. Selten war er wichtig, pompös oder mit grossem Bahnhof aufgetreten.

Genaugenommen war er den meisten Leuten, auch den vielen anderen Meistern, kaum aufgefallen. Manche davon hatten ihn und seine Lehrsätze sehr wenig ernstgenommen.

So dachten alle, es wäre das Beste, ihn nicht übertrieben zu ehren und besondere Huldigungen nach seinem Ableben zu veranstalten.

Zur Vielzahl der schon existierenden Helden und Unsterblichen musste man nicht noch einen wie ihn hinzufügen.

Es war keine sehr bedeutende Trauerfeier; man gab sich allgemein bescheiden und zurückhaltend. Die meisten Teilnehmer waren in Gedanken noch nicht einmal besonders anwesend – sie hatten insgeheim längst eigene Pläne, die jenseits aller Gedanken oder Ratschläge des alten Meisters lagen.

Man ging nach kurzem Gedenken schnell auseinander.


Die meisten der vermeintlichen Freunde hatten sich wenig zu sagen und sie hatten zumeist noch weniger freundschaftliche Gemeinsamkeiten.

Nach dem Ende des Meisters erst recht nicht.


In einigen Fällen kam es bereits kurze Zeit später recht schnell zu Zerwürfnissen, Vorwürfen und Gegenvorwürfen - über den richtigen „WEG“.

Vorschnelle Besserwisserei, eitle Gedanken, Fehleinschätzungen innerer wie äusserer Kräfte und noch andere Meinungen des JA und ABER – sie hingen nach und nach wie eine dunkle Wolke über der bisher einigermassen geordneten heilen Welt.

Jeder verfolgte recht schnell einen eigenen „WEG“, der der beste und auch der anerkannteste sein sollte. Traditionen forderten ihr Recht und Recht bekamen sie. So wie es immer gewesen ist.

Die meisten suchten Anschluss an vertraute oder mächtige Kräfte, an berühmte Schulen, an einen der vielen GROSSmeister und an irgendwelche Zauberer des Körpers oder Geistes, die zwar weniger die Wahrheit gepachtet hatten.

Dafür aber ein grosses Arsenal an Fahnen, Überzeugungen, Sport-Soldaten und Propheten des „Erfolges“ aufzuweisen hatten.

Der Erfolg geht dabei seinen eigenen Weg.

Der alte Meister war schneller vergessen, als sich Füsse und Fäuste in sinnvolle Richtungen bewegen können.

Auch sein Grab kannte bald niemand mehr. Wozu auch ?

Denn wem NUTZT so etwas schon ?


Bei einigen der früheren Freunde war die Zufriedenheit mit neuen Erfolgen so gross, dass sie erst recht über nichts mehr aus einer Vergangenheit nachdachten und danach handelten.

Sondern deutlich mehr in ihrer praktischen Gegenwart tätig waren.
Die Zukunft interessierte sie wiederum nur sehr vordergründig.

Viel mehr, als noch früher, kam es ihnen auf den Nutzen an.

Der Nutzen blieb jedoch oft nur ein Erfolg des Tages, wurde jedes Mal sehr schnell vergessen und war einen Tag später meistens schon wieder wertlos. Ohne bleibenden Inhalt.


Die Zeit verging und sie verging schnell.

Es begab sich irgendwann, dass, wieder einmal, einer mit allem, aber vielleicht auch nur mit sich selbst unzufrieden war.

Einer der Anhänger von Wegen und Irrwegen erinnerte sich an den Meister der Vergangenheit und machte sich auf die Reise zu seinem längst vergessenen Grab.

Der Erzähler weiss es nicht so genau, aber vermutlich war dieser Reisende im wahrsten Sinne des Wortes ein ungläubiger „Schüler“.

Ein junger Lernender, der von denjenigen alten Lehrenden enttäuscht war, die ihm nicht das beizubringen verstanden, was er sich erhofft hatte.

Als er zur Gruft kam, fand er dieselbe offen, unverschlossen und zu seinem Erstaunen war das Grab leer.


Der alte Meister war verschwunden.
Kaum etwas deutete daraufhin, dass er jemals hier gelegen hatte.

Eine geradezu unglaubliche Entdeckung.

Zunächst war Nachdenken angeraten.

Es gibt immer mehrere Erklärungen dafür, ob, warum und falls jemand „tot“ ist.
Und was passiert sein könnte, wenn ein „Toter“ plötzlich auf unerklärliche Weise verschwunden ist.

Ganze Zeitalter, viele Millionen Menschen, die Mächtigen, die Reichen, sogar die Armen dieser Welt richten jedoch vorrangig ihren Glauben immer wieder auf so etwas aus.

Wie eine Kompassnadel Richtung Magnetpol der Erde.

Sie folgen Führern, die sich sehr schnell Überzeugungen zunutze machen, es würde bei allem
- und von wenigen für alle - in einem höheren Auftrag gehandelt.

Nur so etwas ist „anerkannt“ und verspricht „Erfolg“.

Viele Hände und Füsse werden bewegt, dazu auch noch Zungen, Lippen und Herzen.

Dann unterdrücken oder töten sie schliesslich andere, die etwas anderes glauben.



Oder sie verraten und hintergehen ihre eigenen Überzeugungen, machen wieder neue aus den Resten der alten.

Des Nutzens wegen...und oft auch aus Gründen eines reinen und wahren...Glaubens.

Für den es dicke Bücher gibt. Nur ein kleines Stück Papier würde dazu sicher nicht ausreichen.


Der Schüler, der zum Grab des Meisters gekommen war, war verunsichert.

Er war genaugenommen deswegen an diese Stelle gepilgert, weil er mit einigen Lehren oder Vorstellungen seiner Lehrer und Meister unzufrieden war, ihnen nicht alles geglaubt hatte und aus diesem Grund irgendeine Form von Erleuchtung finden wollte.

Oder wenigstens die Knochen eines ehemals respektierten Kämpfers der Worte und Taten.


Nun war dort – NICHTS zu finden.

Die Grabstelle war leer, sie war auch nicht besonders gepflegt und sie machte kaum den Anschein von etwas Besonderem.

Bei genauem Hinsehen fiel eine Art Pfeil auf, der in die Wand gekritzt worden war und auf ein zerknülltes Stück Papier hinwies, welches offenbar lange Zeit unter unter einem Stein halbverborgen gelegen hatte.

Er zog das Papier heraus und faltete es auseinander.
In einer anderen, einer mehr virtuellen Welt hätte es auch ein Text auf einem Bildschirm oder einem mobilphone-Display sein können.

Dann begann er zu lesen.

Dort stand geschrieben:


„Ihr GLAUBT so vieles sehr leichtfertig und anderes glaubt Ihr wiederum nicht.
Warum das so ist, WISST Ihr selber nicht.

Nur sehr wenige von Euch geben sich Mühe, mehr darüber herauszufinden.

Für diejenigen ist diese Botschaft gedacht.

Mich gab es schon immer und es wird mich immer wieder geben.

Wer MICH oder die Wahrheit sucht, der wird uns jederzeit finden – überall und nirgends.

Es ist weder Glauben noch Wissen dazu notwendig.
Noch nicht einmal Hoffnung oder der Wille eines Herrn und Meisters.“

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