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Das böse Märchen von der Katze und den Mäusen

in Alte und neue Literatur...von Gilbert Kapkowski 09.07.2019 14:49
von gkapkowski • 24 Beiträge

Das böse Märchen von der Katze und den Mäusen
von Gilbert Kapkowski 08.07.2019


VORSPANN
Freigegeben zum Lesen ab 18 Jahre


Es war einmal...ein niedliches Kätzchen.

Das lebte in einem grossen Haus am Rand einer kleinen Stadt und streifte tags und nachts gerne durch die umliegenden Gärten, Wiesen und Hinterhöfe.

Mit grosser Vorliebe machte sich die Katze auf die Suche nach Beute.
Als da waren – Vogelnester, Blindschleichen und anderes Kleingetier.
Am allerliebsten belauerte das Kätzchen aber – Mäuse.

Mit dem Fressen des Erbeuteten hatte es die Katze nicht allzusehr.
Viel lieber stöberte sie in den Hecken, an Mauern und an anderen geheimen Verstecken herum und wenn sie etwas erwischte, dann krallte und biss sie meist nur einige Zeit auf ihrem Opfer herum.

Sie trieb ihre Beute ein paar Ecken weiter oder trug diese verletzt im Mäulchen in der Gegend herum.
Liess jeden vermeintlichen Leckerbissen dann aber achtlos liegen und trottete wieder nach Hause.

Zur einer wohl besser schmeckenden Mahlzeit aus der Dose und zum gemütlichen Liegeplatz auf der Ofenbank bei Herrchen und Frauchen.

Das Essen zu Hause schien deutlich mehr zu gefallen.
Man erkannte es daran, dass die Katze öfter einen abgebissenen Mäusekopf herumliegen liess oder den Rest der Maus teilweise aufgefressen hatte.
Dann aber alles sehr schnell blutig und halbverdaut wieder ausgewürgt hatte.

Was jedesmal unschöne Spuren auf dem Rasen oder auf dem blankem Pflaster hinterliess.

Am Rande einer Hecke, hinter einem Baumstumpf, wohnte eine Mäusefamilie.
Der Einfachheit halber nannte man sie „Familie Maus“.

Ursprünglich und zu besseren Zeiten bestand Familie Maus aus Vater und Mutter Maus, sowie drei kleinen Mäusekindern.
Dazu kamen noch Onkel und Tante Maus, die gleich in der direkten Nachbarschaft ein eigenes Mauseloch hatten.

Die niedliche Katze oder vielleicht war es doch eher eine böse Katze – hatte vor einiger Zeit nacheinander Vater Maus, eins der Mäusekinder, sowie Onkel und Tante Maus erwischt.

Sie alle waren auf die schon beschriebene Art und Weise erbärmlich ums Leben gekommen.
Als notwendige Ernährung dienten sie der Katze in keinem einzigen Fall.

Mutter Maus, die mit ihren beiden verbliebenen Mäusekindern übrig geblieben war, hielt es vor Traurigkeit in der alten Unterkunft nicht mehr aus.
Ausserdem war das Futter etwas knapp, weil es keinen Vater Maus mehr gab, der regelmässig etwas zum Essen für die Familie heranschaffte.

Nach dem Tod von Onkel und Tante Maus war Mutter Maus mit dem restlichen Nachwuchs umgezogen und lebte in einer verfallenen Gartenhütte in der Nähe hinter einem Stapel altem Holz.

Ein kleines Loch unten in der Aussenwand der Hütte war der Ein- und Ausgang in Richtung Garten und einem danebenliegenden Feld.

Die Lage der neuen Wohnung war nicht ungefährlich, denn die Katze hatte bei ihren Streifzügen das neue Mauseloch bereits ausgemacht.

Manchmal sass die Katze eine Weile auf der Wiese in der Nähe und beobachtete ruhig und still, ob sich etwas rührte.

Die Katze machte sich jedesmal klein und flach, spitzte die Ohren, legte den Schwanz ganz um den Körper herum und lauschte. Immer bereit zum Sprung.

Einmal war sie blitzschnell vorgestossen und mit einer Pfote und anschliessend mit dem Kopf durch das Loch hinein.
Allerdings erfolglos, weil die Mäuse grad weit vom Eingang entfernt gekauert hatten.

Das Belauern dauerte immer eine ganze Weile, aber wenn sich längere Zeit nichts tat, dann wurde der Katze langweilig und sie wanderte weiter in ein anderes Jagdrevier.

Eines Tages sprach Mutter Maus zu ihren beiden Kindern.

„Ich habe grosse Angst davor, dass die Katze bald wieder einen von uns erwischt. Der kleinste Fehler am Mauseloch und wir sind vielleicht alle tot.“

Die beiden Mäusekinder schauten ratlos.

„Aber was sollen wir bloss tun ?
Die Katze ist ein böser Sadist, der andere nur quälen und verstümmeln will.
Doch sie ist auch so gross und stark, dass wir gegen sie nie eine Chance haben.“


Mutter Maus schüttelte den Kopf.

„Vielleicht haben wir doch noch ein Möglichkeit. Schnelligkeit und scharfe Krallen könnten gegen Schlauheit und eine listige Falle nutzlos sein.
Und wir Mäuse sind üblicherweise nicht ganz dumm.“


Die beiden kleinen Mäuse spitzten die Ohren.

„Wie ist das gemeint ?“

„Nun“, entgegnete die Mäusemutter, „ich habe beobachtet, dass die Katze nicht besonders vorsichtig ist, wenn sie ihren Kopf durch das Loch steckt.
Sie glaubt wohl, dass sie uns mit grosser Geschwindigkeit überraschend schnappen kann. Genau das könnte ihr zum Nachteil gereichen.“


„Aber wie sollen wir das ausnutzen ?“, fragten die Mäusekinder.

„Ich werde es Euch erklären“, antwortete die Maus.
„Zufällig habe ich beim Herumkriechen in der Hütte, einen feinen festen Draht mit 2 Ösen gefunden.
Wir werden daraus eine Schlinge bauen, die wir verborgen innen rund um das Loch anbringen.
Das eine Ende wird an dem alten rostigen Nagel befestigt, der oberhalb des Lochs im Holz steckt.
Der ist so fest eingeschlagen und verbogen, dass man ihn nur sehr schwer herausziehen könnte.“


Die Mäusekinder hielten ihre Näschen aufgeregt in die Höhe.

„Wir verstehen. Wir machen ein paar verdächtige Geräusche.
Die Katze steckt ihren Kopf durch das Loch und beim Herausziehen verfängt sich der Draht um ihren Hals.
Entweder steckt sie dann auf Dauer fest oder sie erwürgt sich auf diese Art selber.“


Mutter Maus nickte zustimmend.

„Es ist zwar traurig mit dieser Hinterlist, aber reine Notwehr, um am Leben zu bleiben.“

Der so zurechtgelegte Plan funktionierte besser, als die Mäuse es erwartet hätten.

Nämlich bereits beim ersten Mal.

Beim nächsten Auflauern schoss die Katze mit dem Kopf voran durch das Mauseloch und es kam, wie es kommen sollte.

Die verborgene Schlinge zog sich zu. Der Draht war gerade so lang, dass die Katze ihren Kopf zwar wieder aus dem Loch ziehen konnte.

Doch sie hing fest. Der Draht und der Nagel hielten.
Jeder Versuch mit Kraft zu ziehen, führte nur dazu, dass sich die Schlinge immer weiter bedrohlich enger um den Hals zog.

Die Katze fauchte sehr böse und strampelte eine Weile herum.
Nach kurzer Zeit hörte man nur noch ein schwaches Wimmern und Miauen.
Alle vier Pfoten ausgestreckt lang das Kätzchen schwer atmend im Gras.

Eine lange Zeit geschah nichts, aber dann passierte Folgendes:

Ein Mann kam über das Feld in Richtung der Gartenhütte.
Er bemerkte die Katze in ihrer Notlage und ging auf sie zu.

Aus der Tasche zog er ein paar feste Handschuhe.
Wohl in der Absicht, sich gegen die vielleicht wild gebärdende Katze zu schützen.

„Na“, sagte er, „was haben wir hier denn für ein armes kleines Kätzchen ?“

Vorsichtig langte er nach der Katze, aber er bemerkte gleich, dass man sie nicht mit einem einfachen Handgriff aus der Falle befreien konnte.

Die drei kleinen Mäuse beobachteten die Szene heimlich durch einen Spalt zwischen den Holzbrettern der Wand.

Erstaunlicherweise hatte der Mann ein passendes Werkzeug in der Tasche.
Mit einer kleinen Drahtzange gelang es ihm recht einfach und schonend, die Schlinge aufzuschneiden. Die Katze war frei.

Sie war von der Falle so geschwächt, dass sie sich nicht dagegen wehrte, von dem behandschuhten Mann auf den Arm genommen zu werden.
Er streichelte ihr über das Fell. Sie liess die Pfötchen hängen.

Die Katze zitterte und atmete vernehmlich immer noch sehr schwer.

„Armes kleines Kätzchen“, sagte der Mann, „wer tut denn einer so niedlichen Mieze wie Dir so etwas an ?“

Die Katze antwortete natürlich nicht auf diese Frage, aber sie schaute dem Mann in die Augen und es schien so etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick erkennbar zu werden.

Die Mäuse, die das alles aus ihrem Versteck heraus sehen konnten, wagten nicht sich zu rühren.

„Sowas geht doch nicht“, raunte der überraschende Lebensretter.
„Mäusefänger Deiner Art brauchen eher eine Belohnung, oder ?“

In diesem Moment griff der Mann in seine Tasche und holte einen kleinen Beutel heraus.

Er schüttete den Inhalt, es schien eine Art körniges Pulver zu sein, auf seine flache Hand und hielt diese der Katze vor die Nase.

Die Katze, die immer noch sehr geschwächt auf dem Arm des Mannes kauerte, schien das Dargebotene für ein verlockendes Leckerli zu halten.

Jedenfalls schnupperte sie kurz daran herum und leckte das kleine Häuflein begierig von der Hand ab.

Als alles aufgeschleckt war, schien es der Katze deutlich besser zu gehen.

Der Mann setzte die Katze behutsam auf den Boden.

Sie liess sich ins Gras fallen und begann unmittelbar ihr Fell zu lecken.

Der Mann stand reglos daneben und grinste.
Er blickte in Richtung Gartenhütte.

„Kommt heraus, ihr kleinen Mäuse“, rief er, „kommt heraus, wo immer ihr seid.“

Mutter Maus und ihre beiden Kinder waren so verblüfft, wie noch nie in ihrem Leben.
In diesem Moment dachten sie nicht daran, die relative Sicherheit ihres Verstecks zu verlassen.

„Keine Angst vor der Katze“, sagte der Mann, „die tut keinem mehr was.“

In diesem Moment entfaltete das Gift, welches der Katze verabreicht worden war, seine Wirkung.

Es war ein sehr starkes Gift, speziell gemixt für Katzen und so einfach in irgendeinem Laden hätte man es mit dieser Wirksamkeit nicht kaufen können.

Die Augen der Katze quollen auf. Innerhalb kurzer Zeit wurden sie glasig, dann blutig, plötzlich platzten sie offen auf.

Aus Mund und Nase lief Blut heraus.

Die Katze schrie und maunzte erbärmlich. Sie wollte weglaufen, aber die Pfoten versagten völlig den Dienst.
Beim ersten Schritt brachen die zarten Knochen einfach entzwei. Die Katze fiel ins Gras und wälzte sich herum.
Der Bauch blähte sich auf, das Fell verfärbte sich zu einer unansehnlichen Farbe.

Nach einiger Zeit offensichtlich grosser Qual sackte der Katzenkörper leblos in sich zusammen.
Das unglückliche Sterben war beendet.

Familie Maus kam aus dem Mauseloch gekrochen.

Mutter Maus und ihre beiden Kinder konnten kaum fassen, was sie gerade gesehen und erlebt hatten.

Sie kletterten auf den Stapel Holz, der vor der Hütte aufgeschichtet war und blickten hoch zu dem Mann, der die Katze erst gerettet und dann auf unsäglich grausame Art und Weise zu Tode gebracht hatte.

„Na, ihr Mäuse“, sprach der Mann freundlich, „ihr scheint ja besonders Schlaue Eurer Art zu sein.“

Die Mäuse hatten von Anfang an das Gefühl, dass der Mann ihre Sprache verstehen konnte.
Genau so verhielt es sich.

Mama Maus erwiderte:
„Wir danken für Deine Hilfe. Wir wollten die Katze nur irgendwie loswerden, um am Leben bleiben zu können.
Was wir nur nicht verstehen – warum hast Du sie auf diese Art umgebracht, anstatt alles so zu lassen, wie wir es mit der Falle schon eingerichtet hatten ?“


Der Mann schaute, nun etwas unfreundlicher erscheinend, auf die drei Mäuse herab.

„Eigentlich wollte ich mir die ganze Sache nicht verderben lassen.
Der Spass besteht nun mal darin, dass man seine Leidenschaft persönlich auslebt. Ich hab nichts so richtig davon, wenn andere für sich selber dazwischenkommen.“


Die Maus schnupperte mit der Nase.

„Die Sache riecht merkwürdig. Aber ich dachte immer, der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

In diesem Moment traf sie ein sehr gezielter Schlag mit einem Hammer, den der Mann verborgen hinter dem Rücken bereitgehalten hatte.

Der Kopf von Mutter Maus wurde plattgeschlagen.
Ihr kleines Gehirn spritzte nach allen Seiten auf den Holzstapel.

Die beiden Mäusekinder quiekten entsetzt auf, aber auch ihr Schicksal war längst besiegelt.

Eine der kleinen Mäuse wurde von einem weiteren schnellen Hammerschlag getroffen.

Schwer verletzt kroch sie unter den Holzstapel, wo sie hilflos verendete.

Die andere Maus hatte ebenfalls keine Chance, denn sie lief versehentlich direkt unter den Stiefel des Mannes. Der brauchte nur kurz zuzutreten.

Damit war es Aus für die letzte Maus.

Der Mann wischte sich einige Spritzer der Reste von Mutter Maus von der Jacke, packte den Hammer weg und die Handschuhe wieder in die Tasche.

Er gab dem herumliegenden Katzenkadaver einen Tritt und beförderte diesen damit ins Feld neben der Gartenhütte.

Sein Blick ging rundum. Ob ihn vielleicht jemand beobachtet hätte.

Etwas unwillig sprach er im Weggehen dann zu sich selbst.

„Was haben diese Viecher eigentlich geglaubt ?
Nur weil ich ein Katzenhasser bin, bin ich noch lange kein Freund von ein paar blöden Mäusen !“



EPILOG
Der Nachhauseweg über das weite Feld war begleitet von einem fernen Donnergrollen.

Ein Gewitter kündigte sich an.

Nichts, wirklich rein gar nichts, stand im Zusammenhang mit einer, wie auch immer gearteten, höheren Gerechtigkeit.

Der Blitz allerdings, der Blitz – der hatte völlig eigene Pläne.


ABSPANN
Beim Verfassen dieser Geschichte wurde kein Tier ernsthaft verletzt.
Vermutlich.

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